Es sieht ganz so aus, als würde aus Stuttgart 21 gerade eher Stuttgart 27. Doch was bedeutet das für den Kreis Rottweil und inwiefern ist die Gäubahn darin verstrickt?
Wenn von der Gäubahn die Rede ist, dann ist die Bahnstrecke zwischen Stuttgart und Zürich gemeint, die auch die wichtigste Anbindung an die Schweiz darstellt. Wenn man in Rottweil in die stündlich fahrenden Züge einsteigt, fährt man über die Panorama-Strecke, die sich über die Bergkette um den Stuttgarter Stadtkern herum, am oberen Rand des sogenannten Kessels entlang, erstreckt, bevor es in die Stadt Stuttgart selbst hineingeht, wo der alte Kopfbahnhof angesteuert wird. In Zukunft soll die Gäubahn über den Pfaffensteigtunnel und den Flughafen unterirdisch beim neuen Stuttgarter Bahnhof ankommen. Doch in der Zwischenzeit soll die Strecke während der Umbauarbeiten für mehrere Jahre unterbrochen werden. Das würde bedeuten, dass 1,4 Millionen Anrainer im Ländle und insbesondere die Pendler von der Landeshauptstadt abgehängt werden. Die Alternative sieht momentan vor, die Gäubahn bis Stuttgart-Vaihingen zu führen und dort auf den städtischen S-Bahnverkehr umzusteigen. Die Sprecherin des Kreisverbands der Grünen Rottweil, Sonja Rajsp-Lauer, hat diese Alternative bei einer Aktion der Pro-Gäubahn-Rottweil-Initiative mit 50 weiteren Fahrgästen selbst getestet und berichtet von einem sehr chaotischen Umstieg, überfüllten Bahngleisen und Zeitverlust. Dies macht die Bahnstrecke unattraktiver, und es ist zu befürchten, dass Fahrgäste auf andere Verkehrsmittel ausweichen, so Rajsp-Lauer. Und das in Zeiten des Klimawandels, in denen klar ist, dass im öffentlichen Nah- und Fernverkehr die Zukunft der nachhaltigen Mobilität liegt!
Doch wie kann es sein, dass es so schlecht steht um diese so wichtige Verbindungsstrecke zwischen dem Ländle, Stuttgart und der Schweiz? Dafür müssen wir ein Stück zurückgehen und uns die Geschichte der Strecke genauer anschauen. Erstmals wurde die Strecke 1879 als Verbindung zwischen Stuttgart und Freudenstadt eröffnet und später nach Zürich erweitert. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde allerdings das zweite Gleis abgebaut und trotz vieler Bestrebungen, die Strecke wieder auszubauen, hat sich seitdem nicht viel getan. Die Lage hat sich sogar verschlechtert: Der Traum der Stuttgart-Mailand-Verbindung scheint momentan zu einer Stuttgart-Vaihingen-Singen-Verbindung zu schrumpfen. Denn die beim Lugano-Vertrag 1996 mit der Schweiz ausgehandelte Vereinbarung zur beidseitigen Erweiterung der Gäubahn und Rheintalbahn wurde nach fast 30 Jahren nur von schweizerischer Seite eingehalten. Diese erhöht daher zu Recht den Druck auf die Deutsche Bahn und will die Schweizer Anbindung der Gäubahn kappen, da sich die Verspätungen auf deutscher Seite summieren. Und das wiederum kommt durch die Eingleisigkeit mit zu wenigen Ausweichmöglichkeiten zustande, weshalb die Züge regelmäßig warten müssen bis Streckenabschnitte wieder befahrbar sind und sich Verspätungen verschleppen. Die Schweiz zieht daher ihre Konsequenzen: Ab Mitte Dezember 2025 soll jeder zweite Zug nur noch nach Singen fahren.
Was tun also, wenn die Gäubahn als Herzstück der schwäbischen Mobilitätswende von beiden Seiten zu bröseln beginnt? Zunächst einmal muss es mit der Ertüchtigung der Strecke weiter voran gehen, ist sich Sonja Rajsp-Lauer sicher. Bisher wurde von den Plänen der Zweigleisigkeit nur die Doppelspurinsel zwischen Horb und Neckarhausen realisiert. Auch die von der Landesregierung geplanten Neigetechnikzüge, die die Fahrtzeit verringern würden, lassen bisher noch auf sich warten. Der geplante Ausbau der Strecke könnte die Verspätungen eindämmen und auch dem Güterverkehr zwischen Deutschland und der Schweiz zugutekommen. Was Stuttgart angeht, ist die Sache schon verzwickter: Während Gäubahninteressenverbände und lokales Engagement sich gegen eine Unterbrechung der Gäubahn stark machen, beharrt Stuttgart weiterhin darauf. Das Projekt Pfaffensteigtunnel, der zwischen 2026 und 2032 gebaut werden soll, sehen Sonja Rajsp-Lauer und auch unser Landtagskandidat Artur Eichin kritisch, denn es ist nicht nur extrem teuer und durch den hohen Betonaufwand umweltschädlich, sondern auch nicht zwingend nötig! Die Panoramastrecke zu erhalten hätte nicht nur den Vorteil einer schöneren Aussicht, wie der Name schon verrät, sondern bietet auch Vorteile für den städtischen S-Bahn-Verkehr, der momentan in Engpässen die Strecke mitnutzt – auf die er bei Realisierung des Tunnels verzichten müsste. Dadurch würde zwar der direkte Weg über den Flughafen verloren gehen, doch stellt sich die Frage ob dieser wirklich nötig ist, wenn doch die Mehrheit der Fahrgäste Berufspendler:innen und Studierende sind, die in die Stadtmitte wollen.
Erst im November 2025 hat Stuttgart 21 wieder die Nachrichten beherrscht und die Fertigstellung scheint sich erneut zu verschieben, und zwar frühestens auf das Jahr 2027. Die geplante Unterbrechung der Strecke kommt damit der Landesgartenschau in Rottweil 2028 schon gefährlich nahe, zu welcher viele Gäste aus Stuttgart erwartet werden. Daher sagen wir Grüne im Kreis Rottweil ganz klar “Nein zur Unterbrechung der Gäubahn! 1,4 Millionen Menschen dürfen nicht abgehängt werden!”

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